Nachhaltigkeit – ein Wohlstandsphänomen?

Braucht es in jeder Wohnung eine voll ausgestattete Küche? Ersetzt selbst angebautes Gemüse den Gang zum Grossverteiler? Und wie hat sich die Bedeutung von Nachhaltigkeit verändert? Diese Fragen hat die Wissenschaftlerin Dr. Johanna Gollnhofer für uns beantwortet.


Dr. Johanna Gollnhofer setzte sich in den letzten paar Jahren intensiv mit den Themen Konsumforschung und Ethnographie in diversen Communities auseinander. Sie tauchte in die Welt des Foodsharing ein und begleitete Menschen, die sich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln engagierten. Die junge Wissenschaftlerin stand uns an einem schönen Nachmittag Rede und Antwort zu folgenden fünf Thesen:


Essen ist mehr als Essen.

«Essen hat längst nicht mehr nur die Aufgabe, unsere physiologischen Bedürfnisse zu stillen», erklärt Gollnhofer. «Essen ist vielmehr ein soziales Gut in der Gesellschaft geworden.» Essen war einmal eine der natürlichsten Sachen der Welt. Man ass, um zu überleben. Heute sieht dies etwas anders aus: Essen schafft Verbindung und Austausch zwischen Menschen, Essen wird auf den Sozialen Medien geteilt, Essen schafft Identität. Dies zeigt sich heutzutage an den unzähligen Food Trends, den Food Communities und dem gesellschaftlichen Stellenwert, den das Essen einnimmt.


In Zukunft braucht nicht jede Wohnung eine Küche.

Vor allem in urbanen Einzugsgebieten und wirtschaftlichen Wachstumszonen ist das Wohnungsangebot knapp. Längst ist die Zeit vorbei, in der grosszügige Wohnungen gebaut wurden. Immer mehr Menschen wohnen zudem alleine. «Dies führt dazu, dass beispielsweise Küchen tendenziell immer kleiner werden», erklärt Gollnhofer. «Es stellt uns vor die Herausforderung, dass wir nicht oder sehr viel weniger mit Freunden oder der Familie kochen.» Und genau das wäre ja von vielen Menschen gewünscht, damit der soziale Aspekt beim Kochen ausgelebt werden kann. «Ein Lösungsansatz ist sicher, dass es in neuen Überbauungen häufiger Gemeinschaftsküchen gibt, die von den Bewohnern geteilt werden.» In der Schweiz gibt es bereits erste solcher Neubauten, in denen die Idee der Grossküche und eines intensiveren, aber gleichzeitig platzsparenden Zusammenlebens ausprobiert wird.


Urban Gardening ersetzt Grossverteiler.

Der Philosoph und Gastrokritiker Jean Anthelme Brillat-Savarin wusste schon im 18. Jahrhundert: «Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist». Ist das, was wir essen, ökologisch vertretbar? Woher kommen die Früchte und das Gemüse? Was hat gerade Saison? Was als Trend begann, bildet heute einen festen Bestandteil in unserer Gesellschaft: das Urban Gardening. «Man will wieder die Sicherheit haben, dass das, was auf dem Teller landet, auch wirklich vertretbar hergestellt wurde», so Johanna Gollnhofer. «Mit Urban Gardening – zum Beispiel in städtischen Schrebergärten – übt man auch einen sozialen Aspekt aus. Man pflanzt gemeinsam und erntet im Kollektiv.»


Social Media verändert unser Konsumverhalten.

«Dank Social Media finden immer mehr Menschen zusammen, die ein gemeinsames Interesse und Ziel verfolgen», erläutert Gollnhofer. «Beim Foodsharing fällt dies besonders auf, denn hier kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen und teilen Lebensmittel, aber auch Tipps und Tricks für die Zubereitung.» Ähnlich wie beim Urban Gardening rückt hier das Kollektiv in den Vordergrund. Man entfernt sich immer mehr vom Individuum-Denken und wechselt zu einem eher systemischen Denken und Handeln. «Wenn jeder einzelne sein Konsumverhalten ändert, verändert er auch das System ein Stück weit», so Gollnhofer.


Wir können uns Nachhaltigkeit leisten.

Welche Bedeutung hat denn Nachhaltigkeit heute? Johanna Gollnhofer erläutert: «Nachhaltigkeit ist eigentlich ein modernes Phänomen.» Früher hätte man den Luxus gar nicht gehabt, um über Nachhaltigkeit nachzudenken. Die Wissenschaftlerin veranschaulicht diese Überlegung am Beispiel von Einmachen. «Früher musste man beispielsweise Gemüse einmachen, damit es haltbar ist und man sich über den Winter mit den notwenigen Vitaminen versorgen konnte. Heute heisst Einmachen, dass man ein Überangebot an Lebensmitteln hat.» Man kann also sagen, dass sich die Nachhaltigkeit erst mit dem Ende der Knappheit, sei es bei den Lebensmitteln oder auch bei anderen Gütern, entwickelte. «Der herrschende Überfluss erlaubt es uns erst jetzt, über das Konzept der Nachhaltigkeit nachzudenken.»


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich unsere Gesellschaft im Wandel befindet. Soziale Faktoren beim Essen und Kochen werden immer wichtiger und die Menschen sehnen sich nach Austausch. Wir wollen nachhaltig handeln und verantwortungsbewusster konsumieren.